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Alt 11.02.2009, 12:15   #1
MeiersJulchen
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Standard Ärzte und ihre ernährungswissenschaftliche Ausbildung

Hallo Leute,

Da ich ja immer gerne auf die Unwissenheit der Ärzte schimpfe, habe ich bereits Anfang letzten Jahres mein eigenes Wissen über die Abläufe im Medizinstudium aufgefrischt. Ungerechtfertig möchte ich ja doch nicht auf eine gewisse Berufsgruppe eindreschen

Und zwar war ich endlich auf die Idee gekommen, mal direkt an der Quelle nachzuforschen.
Also habe ich mir die Vorlesungsverzeichnisse einiger größerer Universitäten (u.a Bochum) zu Gemüte geführt und auch ein längeres Gespräch mit einem dort dozierenden Physiologen geführt, der mir auseinandergelegt hat, welche Prioritäten im Medizinstudium gesetzt und wie die angehenden Ärzte auf die Praxis eingestimmt werden.

Beschäftigt habe ich mich mit dem Thema, weil ich herausfinden wollte, warum jahrelang meine schwere Unverträglichkeit gegen bestimmte Lebensmittel, die absolut klassische, eindeutige und reproduzierbare Symptome hervorrief, nie auch nur im Ansatz erkannt worden ist.
Selbst gegen einen Allergologen mußte ich mich vor Kurzem wehren, daß er mir keine Medikamente verpaßte, die mir mehr geschadet als genutzt hätten.


Eines vorweg: Es sieht nicht wirklich rosig aus bezüglich der Ernährungswissenschaften, die über die üblichen Schlagwörter hinausgehen.

Man muß eine Menge Glück haben, an einen informierten Arzt zu geraten - ganz besonders dann, wenn man nicht nur mit Diäten "behandelt" werden will, die sich um keinen Deut von den bunten Versprechungen der Wartezimmerliteratur unterscheiden.
Und sollte man gar Probleme mit Allergien oder Unverträglichkeiten haben ... dann gute Nacht

Ein kleiner Seitenblick in den Vorlesungsplan erbrachte z.B. folgende ernährungsbezogene Resultate:
- Sportmedizin und -ernährung
- Ernährung von Intensivpatienten
- Gastroenterologische Krankheiten bei Kindern

Natürlich steht auch physiologische Chemie auf dem Lehrplan, aber die Kurzbeschreibung der Kurse läßt vermuten, daß man sich dort ausschließlich mit den Vorgängen im Inneren der Zellen beschäftigt und nicht so sehr mit deren Zusammenspiel.

Der Knackpunkt dieser erschütternd kurzen Liste ist, daß all diese Vorlesungen weder einen Bezug zur alltäglichen Ernährung noch zu sonstigen ernährungsbezogenen Komplikationen haben.

Im Studium steht natürlich die Diagnostik und Behandlung der am weitesten verbreiteten Krankheiten - die natürlich allzuoft organischer Natur sind - ganz oben.
Danach kommen funktionelle Störungen wie z.B. Bluthochdruck und Diabetes.

Erschwerend kommt hinzu, daß Statistik und andere mathematische Grundlagen ebenfalls keinen Eingang ins Standardstudium finden, wobei doch gerade Ärzte mehr als alle anderen Berufszweige mit Studien konfrontiert werden, die ausschließlich aus empirischen Daten bestehen und bei deren Übertragung auf den Einzelnen die jeweiligen Voraussetzungen ganz besonders geprüft und beachtet werden müssen.

Bei den Verdauungsorganen liegen Probleme wie Geschwüre der Speiseröhre und des Magens ganz vorne, weiter Niere und Leber. Das Übliche halt, und wie gesagt meistens organisch bedingt und verhältnismäßig schnell und sicher einzukreisen.

Ernährung im Allgemeinen und speziell als Auslöser von Krankheiten steht - man staune - nur bei angehenden Kinderärzten auf dem Lehrplan.
Das ist bei näherer Betrachtung nicht weiter verwunderlich, denn viele Unverträglichkeiten sind angeboren. Dazu gehören u.a. Fructoseintoleranz (nicht zu verwechseln mit -malabsorption), Zöliakie und meist auch Laktoseintoleranz.

Wenn man also das Pech hat, sich erst im Erwachsenenalter (soll heißen: sobald man meint, für den Kinderarzt zu alt zu sein) eine Unverträglichkeit zu "erwerben", so gerät man nur in den seltensten Fällen an einen Arzt, der in seiner Ausbildung mit dieser Problematik konfrontiert wurde.
Und es gibt leider genug Unverträglichkeiten, die man in jedem beliebigen Alter auf die ein oder andere Weise an Land ziehen kann.

Wenn man trotzdem noch Glück hat, so ist dem Arzt zumindest bewußt, DASS es ernährungsbedingte Auslöser für die Symptome geben KANN.
Mir jedenfalls ist dieses Glück in 15 Jahren jedenfalls nicht ein einziges Mal zuteil geworden. Weder bei Internisten, noch bei Hautärzten, noch bei Allergologen. Auch nicht bei Kurärzten, obwohl sich während der Kur aufgrund des Speiseplans meine Beschwerden massivst verstärkten und auch nicht im Krankenhaus, wo ich mit einer Art Herzanfall abgekippt wurde.

Bezüglich Übergewicht - sein Entstehen und seine Auswirkungen - ist die Unkenntnis der Ärzte ähnlich groß. Nach dem Studium dürfte ihr Wissenstand bezüglich Ernährung und Gewicht im Großen und Ganzen dem einer belesenen Hausfrau gleichen. Wie sonst ließe es sich es erklären, daß sich ihre Ausführungen und Vorschläge in keinster Weise von den Erkenntnisse der bunten Blättchen unterscheiden, Infomaterial fast ausschließlich aus Pharmabroschüren besteht und sogar die heilsbringenden Pülverchen in vielen Praxen gedealt werden?

Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen habe ich jedoch einen ganz eigenen Einblick in die erstaunlichen Vorgänge des Körpers erhalten nachdem ich einem Gewichtsverlust (der mich pikanterweise jedoch nicht annähernd beschwerdefrei werden ließ) ohne Diät beiwohnen durfte und Beschwerdefreiheit - und das bei stabil erhöhtem Gewicht - durch eine Ernährungsumstellung erreicht habe, die jeder gesunden Beschreibung spottet. Passend dazu bin ich all die Jahre zuvor von allen kursierenden Ernährungsvorschriften immer nur noch kränker und dicker geworden. Dabei waren die Symptome sowas von glasklar, wenn man nur ein einziges Mal in der Fachliteratur danach gesucht hätte ... aber ich wiederhole mich.
Ein großer Teil meiner "Streitsucht" rührt aus diesen paradoxen Erfahrungen




Kurzum: Ein Arzt wird sozusagen mit der Empfehlung, sich in den ausgelassenen bzw. angerissenen Themen weiterzubilden, aus der Uni entlassen.
Mir wurde versichert, daß man den Medizinstudenten ausreichend vermittelt, daß das bereits erworbene Wissen nicht das Non-Plus-Ultra ihrer Kunst darstellt und es sich (rein aus Zeitgründen) nur um einen Ausschnitt handeln kann.
Da läßt sich nur noch hoffen, daß diese Worte nicht in allen Köpfen ungehört verhallen

Ich hoffe, diese Info macht einigen hier klar, was und wieviel man bezüglich Ernährung von einem Arzt erwarten kann.
Das soll nicht heißen, daß sie nicht Willens wären, dieses Wissen in sich aufzunehmen ... nur im Studium selbst hatten sie dazu so gut wie keine Chance.

Aber leider hängt es wohl - wie bei jedem anderen Mensch auch - sehr stark vom einzelnen Charakter ab, wie mit dem Unwissen umgegangen wird.
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