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Alt 06.04.2016, 13:46   #16
Rosemarie
Hier qualmt die Tastatur
 
Registriert seit: 26.03.2013
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Ich denke, daß das Grundproblem die Suche nach Schuld und Entschuldigung ist, statt nach Lösungen zu suchen bzw. die Tatsachen zu akzeptieren.

Ich finde außer im Strafrecht hat das nichts zu suchen. Ich komme ebenfalls aus einer dicken Familie, aber was nützt mir die Antwort, ob ich aus Veranlagung, durch die Erziehung meiner Eltern oder meinetwegen dick bin, das ändert ja nichts an dieser Tatsache. Davon werde ich weder dünner, noch können meine Eltern rückwirkend irgendetwas ändern. Im schlimmsten Fall bin ich auf sie böse und breche den Kontakt ab.

Ich denke, das ist allerdings ein Problem unserer (zum Teil übertriebenen) Leistungsgesellschaft, die für jeden größeren beruflichen Mißerfolg, jede Lücke im Lebenslauf, für jedes Semester an der Univesität mehr, für jedes Sitzenbleiben in der Schule und für jedes Kilo zu viel, Mißbrauch von Medikamenten, Alkohol oder Tabak oder andere Laster einen Schuldvorwurf macht.

Diesen soll man doch bitte mindestens durch Beibringen einer geeigneten Entschuldigung ausgleichen und überhaupt will man immer, dass man sich gut verkauft - was natürlich jeden in Unbehagen versetzt, der sich nicht mehr "verkaufen" kann oder zumindest glaubt, es nicht mehr zu können.

Denn im Grunde ist dann trotzdem die "Kreditwürdigkeit" verspielt, also das Vertrauen des Gegenübers, künftig die geforderte Leistung zu bringen. Bei Dicken ist das dann vielleicht die vermutete Disziplinlosigkeit, von der sie sich irgendwie "reinwaschen" müssen, z.B. durch schlechte Eltern, um hinsichtlich des Versagens gegenüber den gesellschaftlichen Ansprüchen entschuldigt zu sein.

Echtes Selbstbewußtsein, also zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen, ist zum Teil wenig gefragt, das geht ja mitunter bis in den engeren Kreis von Freunden und Familie. Leute, die dann irgendwo den Anschluß verpaßt haben, gewinnen ihn zuweilen nicht wieder und werden zu verkrachten Existenzen und trösten sich dann darüber hinweg, daß ja gar nicht sie selbst, sondern andere an der eigenen Misere schuld sind (keine Lösung) und sie viel mehr hätten erreichen können, wenn man sie nur...

Selbst an seiner "Misere" schuld zu sein, unabhängig davon, ob es zutrifft, ist jedenfalls anscheinend etwas ganz Schlimmes. Solange, aber Eigenverantwortung nur zur Selbstkonditionierung verstanden wird, ist sie im Versagensfall ziemlich nutzlos, weil das in Extremfällen eben zum Rauschmittelkonsum, zur Kriminalität (um den geünschten Lebensunterhalt zu gewinnen) oder im gefühlten Totalversagen in den Selbstmord führt.

Ich habe zum Glück relativ wenig Probleme damit, dass ich dick bin, weil ich es als mein gutes Recht und Teil meiner Freiheit, mein Leben zu gestalten sehe (selbst, wenn ich "unabsichtlich" dick bin), aber wenn das nicht so wäre, hätte ich vielleicht auch das Problem irgendjemandem nicht genügen zu können. Wie es sich bei einem endgültig nicht bestandenen Examen oder langjähriger Arbeitslosigkeit verhalten hätte, weiß ich ehrlich gesagt nicht, davor hatte ich immer Angst, dann plötzlich als gescheitert und nutzlos dazustehen.

Die Quintessenz soll jetzt allerdings nicht sein, dass die Gesellschaft daran schuld ist, sondern, ob wir nicht alle versuchen sollten, unseren Mitmenschen ihre Schwächen nachzusehen und immer wieder Chancen zu geben und zur Not mehr auf den guten Willen als auf das Ergebnis zu sehen. Das würde uns und unseren Mitmenschen vielleicht guttun.
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liebe Grüße

Rosemarie
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